CAD-ERP-Integration: Schluss mit Stücklisten abtippen
29.01.2026
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Montagmorgen, acht Uhr. Der Konstrukteur hat die Baugruppe fertig. 47 Positionen, sauber durchnummeriert. Jetzt muss die Stückliste ins ERP – und das bedeutet: Excel exportieren, formatieren, manuell eintragen. Oder den Werkstudenten damit beschäftigen. Bei Position 23 vertippt er sich. Die Beschaffung bestellt das falsche Material. Vier Wochen später steht die Montage still.
Dieses Szenario wiederholt sich in deutschen Maschinenbau-Unternehmen täglich. Nicht weil die Mitarbeiter schlecht arbeiten, sondern weil die Systeme nicht miteinander sprechen.
Warum Excel-Listen keine ERP-Strategie sind
In vielen KMUs mit 10 bis 30 Mitarbeitern gibt es kein ERP im eigentlichen Sinn. Es gibt Excel. Aufträge in einer Tabelle. Lagerbestände in einer anderen. Stücklisten als PDF aus dem CAD exportiert. Das funktioniert – bis zu einem gewissen Punkt.
Der Punkt ist erreicht, wenn:
Mehr als zwei Personen gleichzeitig auf dieselben Daten zugreifen müssen
Die Suche nach einem bestimmten Auftrag länger dauert als die Bearbeitung
Fehler durch manuelle Übertragung regelmäßig Geld kosten
Ein Mitarbeiter im Urlaub ist und niemand seine Tabellen versteht
Ein echtes ERP-System löst diese Probleme durch eine zentrale Datenbank. Aber für viele Mittelständler schien die Alternative bisher nur SAP zu heißen – mit sechsstelligen Implementierungskosten und jahrelangen Projekten.
ERPNext: 80% der Funktionalität zu einem Bruchteil der Kosten
ERPNext ist ein Open-Source-ERP-System mit über 25.000 Installationen weltweit. Der entscheidende Unterschied zu SAP oder Microsoft Dynamics: keine Lizenzkosten pro User. Du zahlst für Hosting und Anpassung, nicht für das Recht, die Software zu nutzen.
Für ein Unternehmen mit 20 Mitarbeitern bedeutet das konkret: Statt 50.000 Euro jährlicher Lizenzkosten fallen nur die Hosting-Gebühren an – typischerweise 200 bis 500 Euro monatlich, je nach Serverleistung und Support-Level.
Was ERPNext abdeckt:
Auftragsabwicklung und CRM
Einkauf und Lagerverwaltung
Stücklistenverwaltung und Fertigung
Buchhaltung (nach deutschem Kontenrahmen)
Projektmanagement
Was ERPNext nicht ist: Eine vollständige SAP-Alternative für Konzerne. Wer 500 Mitarbeiter, internationale Standorte und komplexe Konzernstrukturen hat, braucht andere Lösungen. Für Unternehmen unter 50 Mitarbeitern ist SAP meist überdimensioniert – ERPNext wächst mit.
Die Brücke zwischen Konstruktion und Fertigung
Das eigentliche Problem in vielen Maschinenbauern ist nicht das fehlende ERP-System, sondern der Bruch zwischen Konstruktion und dem Rest des Unternehmens. Der Konstrukteur arbeitet in seiner CAD-Welt, der Einkauf in seiner ERP-Welt, und dazwischen liegt ein Stapel ausgedruckter Stücklisten.
Echte CAD-ERP-Integration schließt diese Lücke. Wenn du in Onshape ein Bauteil freigibst, überträgt ein Webhook automatisch alle relevanten Daten an ERPNext:
Teilenummer und Revision
Komplette Stückliste mit Mengen und Materialzuordnung
STEP-Dateien für die Fertigung
PDF der technischen Zeichnung
Keine manuelle Dateneingabe. Keine Übertragungsfehler. Keine Wartezeit zwischen Konstruktionsfreigabe und Beschaffungsstart.
Wie die Integration technisch funktioniert
Die Verbindung zwischen Onshape und ERPNext basiert auf Webhooks – automatische Benachrichtigungen, die bei bestimmten Ereignissen ausgelöst werden. Wenn ein Konstrukteur in Onshape auf "Freigeben" klickt, passiert Folgendes:
Onshape sendet eine Nachricht an einen Middleware-Server
Der Server extrahiert die Stücklistendaten aus dem Modell
Die Daten werden im ERPNext-Format aufbereitet
ERPNext legt automatisch Artikel an oder aktualisiert bestehende
STEP- und PDF-Dateien werden ins Dokumentenmanagement exportiert
Der gesamte Prozess dauert Sekunden. Der Konstrukteur merkt davon nichts – außer dass er keine Stücklisten mehr abtippen muss.
Die "wachsende Stückliste" im Sondermaschinenbau
Im Sondermaschinenbau gibt es ein spezifisches Problem: Die Stückliste steht nicht am Anfang fest. Sie wächst während der Konstruktion. Teile werden ergänzt, geändert, wieder entfernt. Die klassische Abfolge "Konstruktion → Freigabe → Beschaffung" funktioniert hier nicht.
ERPNext unterstützt wachsende Stücklisten. Du kannst Teile freigeben, sobald sie konstruiert sind – auch wenn die Gesamtbaugruppe noch nicht fertig ist. Die Beschaffung läuft parallel zur Konstruktion. Wenn sich etwas ändert, aktualisiert das System automatisch Bedarfe und Bestellungen.
Das verkürzt Projektlaufzeiten erheblich. Statt erst zu konstruieren und dann zu beschaffen, laufen beide Prozesse verzahnt.
SAP, Dynamics oder ERPNext: Die ehrliche Einordnung
SAP Business One ist das Mittelstandsprodukt von SAP. Es kostet typischerweise 3.000 bis 5.000 Euro pro User und Jahr, plus Implementierung. Dafür bekommst du ein ausgereiftes System mit exzellentem Support und breitem Partnernetzwerk. Wenn dein Unternehmen auf 100+ Mitarbeiter wächst oder du Konzerne als Kunden hast, die SAP-Integration fordern, ist es eine solide Wahl.
Microsoft Dynamics 365 liegt preislich ähnlich und integriert sich nahtlos in die Microsoft-Welt. Wenn dein Unternehmen stark auf Microsoft 365 setzt und tiefe Integration mit Outlook, Teams und SharePoint braucht, hat Dynamics Vorteile.
ERPNext kostet als Open-Source-System keine Lizenzgebühren. Du bist nicht von Preiserhöhungen abhängig und behältst volle Kontrolle über deine Daten. Die Implementierung ist typischerweise schneller und günstiger als bei den großen Anbietern. Der Trade-off: Das Partnernetzwerk in Deutschland ist kleiner, und manche Spezialfunktionen fehlen.
Für Unternehmen unter 50 Mitarbeitern, die keine Konzern-Compliance-Anforderungen erfüllen müssen, ist ERPNext in den meisten Fällen die wirtschaftlich sinnvollere Wahl.
Was eine vollständige Einführung kostet
Transparenz bei den Kosten: Ein vollständiges Einführungsprojekt mit Onshape, ERPNext und Nextcloud liegt typischerweise zwischen 15.000 und 50.000 Euro – je nach Umfang der Anpassungen und Datenmigration.
Dazu kommen laufende Kosten:
Onshape Professional: ab 2.100 Euro pro Jahr und User
ERPNext Hosting: 200-500 Euro monatlich
Nextcloud Hosting: 50-150 Euro monatlich
Die Amortisation ergibt sich aus mehreren Faktoren: Die Zeitersparnis durch automatische CAD-ERP-Synchronisation beträgt erfahrungsgemäß zwei bis fünf Stunden pro Woche und Konstrukteur. Dazu kommen reduzierte IT-Kosten (keine Server-Wartung), weniger Fehler durch manuelle Dateneingabe, und schnellere Reaktionszeiten durch standortunabhängigen Zugriff.
Bei einem typischen Stundensatz von 80 Euro und drei Konstrukteuren, die jeweils drei Stunden pro Woche sparen, sind das 37.000 Euro pro Jahr – die Investition rechnet sich innerhalb von ein bis zwei Jahren.
Der nächste Schritt: Ein 90min. Cloud-Readiness-Check analysiert deine aktuellen Prozesse und zeigt konkret, wo Automatisierung den größten Hebel hat.